Prismengespräche öffnen
in Therapien,
Supervisionen und Beratungen sowie in Betreuungssituationen kreative
Resourcen und blockierte Erlebensbereiche. Prismatisieren
beinhaltet, sich körperlich, sinnlich und intuitiv auf einen
Patienten einzustimmen und ihn anzuregen an Hand dieser ins Gespräch
eingebrachten Empfindungen und Phantasien Erinnerungen in sich zu
mobilisieren. In der Betreuung und Begleitung von Sterbenden und
ihren Angehörigen können auf diesem Wege Ängste, Warumfragen und
Gesprächsblockaden verringert werden, indem Einfälle aus der Fülle
des gelebten Lebens wachgerufen und damit entlastend Prozesse des
Abschiednehmens ermöglicht werden. Hierbei können kulturelle und
soziale Erlebensbereiche sowie religiöse, spirituelle und andere
Sinnfragen, aber auch Humor ins Gespräch kommen. In Prismengruppen
kann sich entlastend die Vielfalt unterschiedlicher
Identitätsbereiche eines Patienten entfalten. Nachfolgend einige
Beispiele dieser anfangs ungewohnten bildsprachlichen Kommunikation:
Aus einer Prismengruppe
bei den Schmetterlingen in Neuss
Eine Teilnehmerin berichtete unter zunehmend stärkeren Weinen, dabei
gestützt von ihrem Ehepartner, dass sie Ihren 8 jährigen Sohn
bereits vor 2 3/4 Jahren verloren habe und dass sie nicht darüber
hinweg komme. Sie könne ja mit niemanden darüber reden. Auch an
ihrem Arbeitsplatz würden sich die Kollegen umdrehen, wenn sie von
ihrem Schmerz berichten wolle. Man könne wohl über so etwas nur mit
Menschen sprechen, die ähnliches erlebt hätten.
Die ersten Einfälle drehen sich in der Gruppe, um vergleichbar
blockierte Trauererlebnisse. Das Bild einer Großmutter, die sich mit
einem Karren Mist abplagt und die von Ihren Blumen schwärmt, wird
von einem großen orangefarbenen Bild abgelöst, dass die heftigen
Kribbelgefühle einer Teilnehmerin „wie von tausend Ameisen, die
durch meinen Körper kriechen“ beseitigt. Eine Teilnehmerin, die erst
kürzlich ihr Kind verloren hat, schildert dann jedoch mit einem
ausgeprägt verschlossenem Gesicht, dass sie eine hohe Backsteinmauer
phantasiere, ohne ein Spalt nach oben oder zur Seite. Keine Farbe,
auch kein Grün. Auf mein hartnäckiges Nachfragen entsteht dieses mit
harten Worten vorgestellte Bild, um dann jedoch in einem
nachfolgenden Kommentar etwas entspannter von der Mauer als
wichtigen Schutzwall für ihre sie sonst überfordernde Trauer zu
sprechen. Hierauf folgen Weite und Fernweh tragende Bilder. Der
Gruppenleiter schildert daraufhin seine wehmütige Stimmung und
bringt als Phantasieeinfall einen kleinen Hund, der jammernd jault.
Hierauf verändert sich die traurige Stimmung der Frau. Sie kann wie
erlöst berichten, ihr Hund sei inzwischen ihr ein und alles. Ihr
verstorbener Sohn habe sich doch immer einen Hund gewünscht. Er sei
immer um sie herum. Man habe ihn heute eigentlich mit in die Gruppe
nehmen wollen. Die Gruppenmitglieder reagieren überrascht auf diese
Äußerung und auf die Stimmungsveränderung durch den intuitiv
gewonnenen Phantasieeinfall über den jaulenden Hund.
Die sich lockernde Stimmung in der Gruppe wird
abgelöst von dem Bericht einer älteren Teilnehmerin, die über
Bauchschmerzen klagt. Das alles sei ihr wohl erneut auf den Bauch
geschlagen. Sie habe ihren kleinen Sohn bereits vor 27 Jahren
verloren und habe dann noch beinahe 3 Jahre unter tiefer Trauer und
häufigen Bauchschmerzen gelitten. Sie habe damals auch mit niemanden
darüber reden können und ..... vergessen könne man das wohl nie.
Nachdem auch hier detailliert die Art und den genauen Ort der
Schmerzen sowie den möglichen Urheber der Schmerzen erfragt werden,
fantasiert die Teilnehmerin einen metallenen kratzenden
Topfreiniger, der in ihrem Magen sei. Sie würde den Kratzer jetzt in
den Mülleimer tun und rasch den Deckel drauf. Danach
berichtet sie, dass die Magenbeschwerden fast weg seien.
Jetzt geht die erneut weinende Patientin des Anfangsberichtes auf
die Phantasien der einzelnen Teilnehmer ein. Sie berichtet
schließlich, dass ihr Herz jedoch weiterhin wie eingemauert sei.
Ohne detailliert nachzufragen, schildert sie die Form ihres
Herzpanzers. Er sei aus Granit in grauen und weißen Farben. Wenn man
ihn jedoch in die Hand nehmen würde, müsse man ganz vorsichtig mit
ihm umgehen. Der Panzer sei dünnwandig und sehe ganz edel aus. Auf
die Frage, wo sie ihn ablegen würde, schildert sie, wie und wo sie
ihn auf dem Grab ihres Sohnes abstellen würde. Auch sie fühlt sich
anschließend erleichtert und umarmt den Gruppenleiter dankbar. Drei
Tage später berichtet sie telefonisch der Leiterin Frau Brug, dass
es ihr ab und zu bereits gelinge, ihren Herzpanzer abzulegen.
Aus einer Prismengruppe im Lindauer Hospiz
Die 36 jährige Tochter einer sterbenden Patientin berichtete in der Gruppe, dass sie seit vielen Jahren sich bemüht habe, mehr Selbständigkeit von ihrer Mutter zu erhalten. Sie berichtet dann detailliert von ihren Versuchen ihr eigenes Leben mit ihrem Partner zu gestalten. Die Mutter habe sie immer liebevoll begleitet, so dass sie erst sehr spät eine Partnerschaft einzugehen vermochte. Sie berichtet von zaghaften und kämpferischen Auseinandersetzungen mit der Mutter. Jetzt sei sie wie gelähmt. Sie könne nur noch hilflos weinen, wenn sie ihre sterbende Mutter sehe.Aus dem Phantasiebild einer von Angst getriebenen Fahrradfahrerin, die sich einen Berg
hinaufquält, wird eine entspannte junge Frau im duftendem Gras mit einem herrlichen Blick in
die Berglandschaft. Bei einer anderen verwandelt sich ein bedrohlich kalter Schneesturm in ein
lustvolles Herumtoben von Kindern unter tanzenden Schneeflocken. Ein unheimlich dunkles
Ungeheuer mit Krakenarme wandelt sich in einen großen farbigen Ballon. Ein beängstigend
dunkles und enges Zimmer öffnet in der zweiten Runde die Fensterläden und gibt den Blick frei
auf ein erhabenes Panorama, auf ein weites blaues Meer.
Besonders angesprochen fühlte sich die Tochter der sterbenden Patientin von dem Phantasiebild, das dem Märchen „Sterntaler“ nachempfunden wurde. In der ersten Runde war es dem Mädchen nicht möglich, die silbernen Flocken, die vom Himmel fielen, aufzufangen, da es keine Hände hatte. In der zweiten Runde konnte sie sich jedoch tanzend so einschwingen, dass sie ihren Rock unter die fallenden silbernen Sternchen ausfalten konnte.Verblüfft erlebte eine andere Teilnehmerin, wie sich in der ersten Runde ihre seit Tagen quäenden Rückenschmerzen verstärkten, um dann über die Erinnerung an ihren vor etwa einem Jahr tödlich verunglückten Sohn tiefe Traurigkeit in ihr wachzurufen um dann schließlich über die Erinnerung an Ihren verstorbenen Vater ihre Schmerzen völlig zu beseitigen. Sie stelle sich jetzt vor, dass die zwei Verstorbenen sich im Himmel begegnen würden. Bei der Tochter der Patientin löste diese Schilderung tiefes Schluchzen und dann stilles Weinen aus. Die Gruppenmitglieder gewannen., dank der Erlebensfülle, Einsichten in die vielfarbigen Facetten einer Mutter-Tochter-Beziehung, ohne hierbei für eine der beiden Partei ergreifen zu müssen. Die Tochter der Patientin betonte am Schluss der Gruppensitzung, dass sie sich in all den Bildern wieder finden würde und dass sie mit ihrer sterbenden Mutter jetzt wohl besser umgehen könne.
Weitere Anwendungsbeispiele von
Prismengesprächen
finden sich in meiner Homepage sowie in meinen Büchern. Zu bestellen
bei
Meducation Service, Peter Schönherr Tel. 0721-9703860.
Preis jeweils: 15.00 Euro, für
Gruppenmitglieder: 8.00 Euro
(2001): Intuition in der
Sterbebegleitung. Pabst Science Publishers Lengerich
(2002):
Prismatische Balintgruppen. Pabst Science Publishers Lengerich
(2004):
Prismatisch-defokussierende Gespräche in der Psychiatrie.
Pabst Science Publishers Lengerich
Prof. Dr. med.
Alfred Drees
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