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Professor Dr. Alfred Drees


Prismatisieren in der Trauer- und Sterbebegleitung

Prismengespräche öffnen
in Therapien, Supervisionen und Beratungen sowie in Betreuungssituationen kreative Resourcen und blockierte Erlebensbereiche. Prismatisieren beinhaltet, sich körperlich, sinnlich und intuitiv auf einen Patienten einzustimmen und ihn anzuregen an Hand dieser ins Gespräch eingebrachten Empfindungen und Phantasien Erinnerungen in sich zu mobilisieren. In der Betreuung und Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen können auf diesem Wege Ängste, Warumfragen und Gesprächsblockaden verringert werden, indem Einfälle aus der Fülle des gelebten Lebens wachgerufen und damit entlastend Prozesse des Abschiednehmens ermöglicht werden. Hierbei können kulturelle und soziale Erlebensbereiche sowie religiöse, spirituelle und andere Sinnfragen, aber auch Humor ins Gespräch kommen. In Prismengruppen kann sich entlastend die Vielfalt unterschiedlicher Identitätsbereiche eines Patienten entfalten. Nachfolgend einige Beispiele dieser anfangs ungewohnten bildsprachlichen Kommunikation:

Aus einer Prismengruppe bei den Schmetterlingen in Neuss

Eine Teilnehmerin berichtete unter zunehmend stärkeren Weinen, dabei gestützt von ihrem Ehepartner, dass sie Ihren 8 jährigen Sohn bereits vor 2 3/4 Jahren verloren habe und dass sie nicht darüber hinweg komme. Sie könne ja mit niemanden darüber reden. Auch an ihrem Arbeitsplatz würden sich die Kollegen umdrehen, wenn sie von ihrem Schmerz berichten wolle. Man könne wohl über so etwas nur mit Menschen sprechen, die ähnliches erlebt hätten.

 

Die ersten Einfälle drehen sich in der Gruppe, um vergleichbar blockierte Trauererlebnisse. Das Bild einer Großmutter, die sich mit einem Karren Mist abplagt und die von Ihren Blumen schwärmt, wird von einem großen orangefarbenen Bild abgelöst, dass die heftigen Kribbelgefühle einer Teilnehmerin „wie von tausend Ameisen, die durch meinen Körper kriechen“ beseitigt. Eine Teilnehmerin, die erst kürzlich ihr Kind verloren hat, schildert dann jedoch mit einem ausgeprägt verschlossenem Gesicht, dass sie eine hohe Backsteinmauer phantasiere, ohne ein Spalt nach oben oder zur Seite. Keine Farbe, auch kein Grün. Auf mein hartnäckiges Nachfragen entsteht dieses mit harten Worten vorgestellte Bild, um dann jedoch in einem nachfolgenden Kommentar etwas entspannter von der Mauer als wichtigen Schutzwall für ihre sie sonst überfordernde Trauer zu sprechen. Hierauf folgen Weite und Fernweh tragende Bilder. Der Gruppenleiter schildert daraufhin seine wehmütige Stimmung und bringt als Phantasieeinfall einen kleinen Hund, der jammernd jault. Hierauf verändert sich die traurige Stimmung der Frau. Sie kann wie erlöst berichten, ihr Hund sei inzwischen ihr ein und alles. Ihr verstorbener Sohn habe sich doch immer einen Hund gewünscht. Er sei immer um sie herum. Man habe ihn heute eigentlich mit in die Gruppe nehmen wollen. Die Gruppenmitglieder reagieren überrascht auf diese Äußerung und auf die Stimmungsveränderung durch den intuitiv gewonnenen Phantasieeinfall über den jaulenden Hund.

 

Die sich lockernde Stimmung in der Gruppe wird abgelöst von dem Bericht einer älteren Teilnehmerin, die über Bauchschmerzen klagt. Das alles sei ihr wohl erneut auf den Bauch geschlagen. Sie habe ihren kleinen Sohn bereits vor 27 Jahren verloren und habe dann noch beinahe 3 Jahre unter tiefer Trauer und häufigen Bauchschmerzen gelitten. Sie habe damals auch mit niemanden darüber reden können und ..... vergessen könne man das wohl nie. Nachdem auch hier detailliert die Art und den genauen Ort der Schmerzen sowie den möglichen Urheber der Schmerzen erfragt werden, fantasiert die Teilnehmerin einen metallenen kratzenden Topfreiniger, der in ihrem Magen sei. Sie würde den Kratzer jetzt in den Mülleimer tun und rasch den Deckel drauf. Danach  berichtet sie, dass die Magenbeschwerden fast weg seien.

 

Jetzt geht die erneut weinende Patientin des Anfangsberichtes auf die Phantasien der einzelnen Teilnehmer ein. Sie berichtet schließlich, dass ihr Herz jedoch weiterhin wie eingemauert sei. Ohne detailliert nachzufragen, schildert sie die Form ihres Herzpanzers. Er sei aus Granit in grauen und weißen Farben. Wenn man ihn jedoch in die Hand nehmen würde, müsse man ganz vorsichtig mit ihm umgehen. Der Panzer sei dünnwandig und sehe ganz edel aus. Auf die Frage, wo sie ihn ablegen würde, schildert sie, wie und wo sie ihn auf dem Grab ihres Sohnes abstellen würde. Auch sie fühlt sich anschließend erleichtert und umarmt den Gruppenleiter dankbar. Drei Tage später berichtet sie telefonisch der Leiterin Frau Brug, dass es ihr ab und zu bereits gelinge, ihren Herzpanzer abzulegen.

 

Aus einer Prismengruppe im Lindauer Hospiz

Die 36 jährige Tochter einer sterbenden Patientin berichtete in der Gruppe, dass sie seit vielen Jahren sich bemüht habe, mehr Selbständigkeit von ihrer Mutter zu erhalten. Sie berichtet dann detailliert von ihren Versuchen ihr eigenes Leben mit ihrem Partner zu gestalten. Die Mutter habe sie immer liebevoll begleitet, so dass sie erst sehr spät eine Partnerschaft einzugehen vermochte. Sie berichtet von zaghaften und kämpferischen Auseinandersetzungen mit der Mutter. Jetzt sei sie wie gelähmt. Sie könne nur noch hilflos weinen, wenn sie ihre sterbende Mutter sehe.

In der Gruppe werden daraufhin eine Vielzahl von bildhaften Vorstellungen wach, die in der ersten Runde von körperlichen Verspannungen und ärgerlichen, gehetzten und einsamen Stimmungen getragen werden, um in der zweiten Runde in ein harmonisches und friedliches Gestimmtsein umzuschlagen. Sie finden Ausdruck in den vielfarbigen Phantasien der einzelnen Gruppenmitglieder.

Aus dem Phantasiebild einer von Angst getriebenen Fahrradfahrerin, die sich einen Berg

hinaufquält, wird eine entspannte junge Frau im duftendem Gras mit einem herrlichen Blick in

die Berglandschaft. Bei einer anderen verwandelt sich ein bedrohlich kalter Schneesturm in ein

lustvolles Herumtoben von Kindern unter tanzenden Schneeflocken. Ein unheimlich dunkles

Ungeheuer mit Krakenarme wandelt sich in einen großen far­bigen Ballon. Ein beängstigend

dunkles und enges Zimmer öffnet in der zweiten Runde die Fensterläden und gibt den Blick frei

auf ein erhabenes Panorama, auf ein weites blaues Meer.

Besonders angesprochen fühlte sich die Tochter der sterbenden Patientin von dem Phantasiebild, das dem Märchen „Sterntaler“ nachempfunden wurde. In der ersten Runde war es dem Mädchen nicht möglich, die silbernen Flocken, die vom Himmel fielen, aufzufangen, da es keine Hände hatte. In der zweiten Runde konnte sie sich jedoch tanzend so einschwingen, dass sie ihren Rock unter die fallenden silbernen Sternchen ausfalten konnte.Verblüfft erlebte eine andere Teilnehmerin, wie sich in der ersten Runde ihre seit Tagen quä­enden Rückenschmerzen verstärkten, um dann über die Erinnerung an ihren vor etwa einem Jahr tödlich verunglückten Sohn tiefe Traurigkeit in ihr wachzurufen um dann schließlich über die Erinnerung an Ihren verstorbenen Vater ihre Schmerzen völlig zu beseitigen. Sie stelle sich jetzt vor, dass die zwei Verstorbenen sich im Himmel begegnen würden. Bei der Tochter der Patientin löste diese Schilderung tie­fes Schluchzen und dann stilles Weinen aus. Die Gruppenmitglieder gewannen., dank der Erlebensfülle, Einsichten in die vielfarbigen Fa­cetten einer Mutter-Tochter-Beziehung, ohne hierbei für eine der beiden Partei ergreifen zu müs­sen. Die Tochter der Patientin betonte am Schluss der Grup­pensitzung, dass sie sich in all den Bildern wieder finden würde und dass sie mit ihrer sterben­den Mutter jetzt wohl besser umgehen könne.

Der Stationsarzt versucht mich der Patientin vorzustellen. Ich suche den Blick der Pati­entin und frage, wie es ihr gehe, wie sie sich fühle. Die Patientin starrt  mit leerem Blick wie ins nichts. Keine Ant­wort. Es folgt eine bedrückende Stille. Ich äu­ßere mein Er­schrecken über die Kargheit des Zim­mers. Keine Bilder, nicht einmal Blumen, es sei alles trostlos. Auch draußen sei das Wet­ter trostlos und traurig. Ich erkläre der Patientin, daß ich von der Schwere ihrer Krankheit er­fahren habe und auch von ihrer Sprachlosigkeit und deshalb sei ich hier. Ich sähe, wie blas und grau und erstarrt ihr Gesicht sei. Ich fühlte mich da­von regelrecht  ange­steckt. Und nach einer kurzen Pause: „Ich möchte Ihnen meine Phantasieeinfälle schildern, die durch diese Stimmung hier in mir wach geworden sind.  Ich sähe in meiner Phantasie einen langen Zug von Men­schen in grauen Kutten durch eine weite  Ebene ziehen, vielleicht wie ein Wallfahrts­zug. Beim genaueren Hinsehen sähe ich, daß sie an ei­nem langen Sta­chel­drahtzaun vorbei ziehen würden. Dahinter ständen Holzkreuze, ohne Namen, grau. Eine Un­zahl von Holzkreu­zen, ganz ungeordnet.“ An dieser Stelle unterbricht mich die mich begleitende Kran­ken­schwe­ster. In  einem fröhlichen, fast sprudelndem Ton bringt sie sich ein: Ei­genar­tig. Bei ihr sei es am An­fang auch dunkel und grau und neblig ver­hangen gewe­sen. Dann habe sie sich jedoch an ih­ren letz­ten Urlaub erin­nert. Sie sei damals mit ihrem Mann und ih­ren zwei Kin­dern im Gebirge in ein Gewit­ter geraten und sie hätten Schutz unter ei­nem Felsvor­hang ge­sucht. Es sei wirklich bedrohlich gewesen. Sie hätten sich aneinander gepresst. Aber nach wenigen Minuten sei das Gewitter vorbeige­zogen. Sie seien nur wenig nass geworden und sie hät­ten dann einen herrlichen Blick tief in das Tal gehabt. Sie hät­ten.....An dieser Stelle beginnt die Patientin zu sprechen. Ihr laufen die Tränen her­un­ter und gleichzeitig lächelt sie. Sie be­richtet, wie sie mit ihrem Mann je­des Jahr in die Berge gefahren sei: "Ja, damals bis vor vier Jahren..."

Auf Nach­frage er­zählt sie, daß ihr Mann vor vier Jahren an ei­nem Herzin­farkt gestorben sei. Seit die­ser Zeit sei sie nicht mehr in den Bergen gewesen. Sie schil­dert jetzt zu­neh­mend le­bendiger ihre Er­lebnisse in Udorf. Sie beschreibt im einzelnen ihre gute Be­zie­hung zu der Wirtin, zu der sie seit Jahren gefahren seien. Der müsse sie endlich einmal schrei­ben. Noch immer laufen die Tränen über ihre  Wangen. Gleich­zeitig  strahlt ihr Ge­sicht in  glück­lichen Er­innerungen. Dem Stationsarzt fällt vor Überra­schung der Schlüssel­bund auf den Boden. Dar­aufhin lächelt die Patientin und berichtet, wie ihr Mann  bei einer Berg­wanderung die Autoschlüssel eine Schlucht habe hinun­ter­fal­len lassen. Das hätte den Urlaub um zwei Tage verlängern helfen. Die Stimmung im Krankenzimmer hat sich fühlbar entspannt. Die Pati­entin wirkt  erschöpft, aber dank­bar. Sie bittet den Stati­ons­arzt, er könne ihr doch den Priester schicken: "Wissen Sie, den Kurz­haarigen, der immer so ein ver­schmitztes Lä­cheln im Gesicht hat".

Der Stationsarzt berichtet später, er sei schon erstaunt gewesen über unsere prismatische Phantasie Methode. Er habe auf die Uhr geschaut. Es habe genau 7 Minuten gedauert, bis die Patientin zu sprechen begon­nen habe. Er könne es noch immer nicht richtig verstehen. Drei Wochen habe die Patientin nicht gesprochen. Er habe übrigens in den nachfolgenden Gesprächen mit der Patientin
  den Tod ihres Mannes besprechen können. Die dort frei werdende Trauer habe dann den Weg gebahnt, für  Gespräche über den eigenen Tod.

Weitere Anwendungsbeispiele von Prismengesprächen finden sich in meiner Homepage sowie in meinen Büchern. Zu bestellen bei Meducation Service, Peter Schönherr Tel. 0721-9703860.  Preis jeweils: 15.00 Euro, für Gruppenmitglieder: 8.00 Euro 

(2001):  Intuition in der Sterbebegleitung. Pabst Science Publishers Lengerich

(2002):  Prismatische Balintgruppen. Pabst Science Publishers Lengerich

(2004):  Prismatisch-defokussierende Gespräche in der Psychiatrie. Pabst   Science Publishers Lengerich

Prof. Dr. med. Alfred Drees
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