Professor Dr. Alfred Drees
Prismatisieren
Verlag: Prismengespräche
ISBN: 978-3-00-020576-7
www.alfred-drees.de
Seit der Aufklärung sucht das Ich weltliche und religiöse Bindungen
zurück zu lassen. Es geriet damit jedoch in Sinnfindungskrisen und
hoffte mit tradiertem Besitz- und Machtstreben, mit religiöser Erneuerung sowie mit einem
Rückzug auf das „wahre Selbst“ sich neu zu finden. Psychotherapien,
Meditation und Entspannung sowie kreative und sportliche Aktivitäten
boten dem Ich schließlich weitere Entfaltungsmöglichkeiten.
Gleichzeitig gewann die künstlerische
Ausdruckssuche einen Freiraum,
in dem symbolische Bedeutungszuschreibungen durch ästhetische
Vorstellungen ersetzt werden. Die Kunst vermittelt in ihren
vielfarbigen Gestaltun-gen befreiende Identifikationserfahrungen.
Unsere
Gefühle blieben jedoch weitgehend in haltgebenden
Beziehungsspeichern eingebunden. Schulenübergreifende Einblicke in
die Säuglingsforschung, in tiefenpsychologische, lerntheoretische,
spirituelle, imaginative sowie in Verhaltens- und
körpertherapeutische Erfahrungen ermöglichten es schließlich,
prismatisch defokussierende Lösungsprozesse zu entwickeln.
Körperliche und seelische Leidenszustände konnten hiermit als
internalisierte Projektionsbereiche der Außenwelt verstanden und
aufgearbeitet werden.
Prismatisieren in Form körperlich-sinnlicher
Resonanz, mit deutungsfreien
Phantasien und bindungsfreien Gefühlen, öffnet die Vielfalt unserer
Erlebens- und Reaktionsmöglichkeiten. Hiermit stabilisiert sich
unsere Ich-Kompetenz und unsere Beziehungsfähigkeit. Es erweitert
unsere Bereitschaft zur Toleranz und zum Mitgefühl und ermöglicht
den Sinn unseres Daseins in unserem aktiven Tun zu finden.
Begegnungen und Begleitungen von Patienten helfen
partnerschaftliche Gespräche zu entfalten, in denen Vertrauen,
Hoffnung, Freude, Liebe und Glücksgefühle sowie Sinn und
Glaubensvorstellungen aufleuchten.
Die Aussage Freuds, dass unser Ich nicht mehr
Herr im eigenen Hause sei, revolutionierte unsere gesamte kulturelle
uns soziale Vorstellungswelt. Die in der Kunst bereits begonnene
Befreiung von symbolischen Fixierungen ließ sich verknüpfen mit
Einsichten in die Entfaltungsmöglichkeiten und Begrenzungen des Ich.
Inzwischen wurde eine Vielzahl von Vorstellungen entwickelt, mit
denen das Erleben und der Handlungsspielraum des Einzelnen und damit
die Quellen seiner Kreativität und seines Wohlbefindens ebenso wie
die Ursachen seines Fehlverhaltens und seiner Krankheitsfixierungen
sich verstehen lassen.

Die wachsende Einsicht in Vorstellungen zum
gesellschaftlich Unbewussten ermöglicht es, mehr Einblicke in unsere
Identitätsvielfalt und ihre Vernetzung mit sozialen, kulturellen und
Sinnfragen zu gewinnen.
Psychoanalytische Ideen zur Projektion, zur
Internalisierung und zur Triangulierung, führten zu einer
Erweiterung tiefenpsychologischer Übertragungsvorstellungen.
Kombiniert mit systemischen Vorstellungen zur Funktion von „Indexpatienten“,
die mit ihrer Erkrankung den Zusammenhalt ihrer Familie ermöglichen,
bilden sie die Basis prismatischer Orientierung.
Der Einzelne hat in einem bisher nur unzureichend
wahrgenommenen Maße die Funktion, unbewusst vermittelte familiäre,
religiöse und gesellschaftliche Aufträge zu übernehmen. Vor allem
Einsichten in die Aufarbeitung der Nazizeit und damit in die
völkische Verstrickung und Verdrängung traumatischer Ereignisse
zeigen, in welchem Ausmaß kollektives Gebundensein,
Gewaltbereitschaft und überidealisierte Vorbilder als Quelle
individueller Einstellungen und Handlungen zu verstehen sind.
Auf diesem Hintergrund entwickelte sich
schließlich eine Kommunikationsform, in der durch die spielerische
Ausfaltung vielfarbiger Erlebensmöglichkeiten humanitäre
Vorstellungen sich durchsetzen konnten, um damit egozentrische
Gesprächsblockaden und Konfliktfixierungen sowie beziehungsbedingte
Lern- und Kreativitätsblockaden aufzulösen. Diese Kommunikationsform
wurde mit Blick auf unsere Identitätsweite prismatisch benannt. Wir
fanden einen Vergleich zum Sonnenlicht, dass durch ein Prisma die
Farbenvielfalt seiner einzelnen Wellenlängen entfaltet.
Die gewonnene Erweiterung prismatischer
Ich-Kompetenz ermöglichte es in der sozialen Psychiatrie,
Gemeindeorientiert und Hierarchieentlastet, psychotische,
psychosomatische sowie gewalttraumatisierte Patienten von quälenden
Symptom- und Gesprächsfixierungen zu befreien.
Prismatisieren wurde erprobt mit Ärzten, Pflegekräften und Patienten,
mit Psychotherapeuten, Sozialpädagogen und Juristen, mit Lehrern
und Schülern, mit Seelsorgern sowie mit Angehörigen und Helfern in
der Sterbeszene. Deutungsfreie Phantasien und bindungsfreie Gefühle
ermöglichte es ihnen, ihre empathische Grundeinstellung zu entfalten
durch das Zurücklassen überfordernder Beziehungsgefühle.
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